Meet the Coach: Anne Geuther

Meet the Coach: Anne Geuther

Anne Geuther wurde schon immer um Rat gefragt – in der Schule, im Job, unter Freundinnen und Freunden. Irgendwann wollte sie aber mehr als gut gemeinte Ratschläge aus der eigenen Erfahrung weitergeben. Sie wollte lernen, wie man Menschen wirklich dabei hilft, ihre eigenen Antworten zu finden.

Nach einem dreitägigen Grundlagenseminar war die Sache klar: Das ist es. Heute ist Anne zertifizierter systemischer Business Coach (Artop-Institut) und coacht als Herzensthema neben ihrem Vollzeitjob.

Ihr Ansatz ist bodenständig und ganzheitlich: Sie schaut immer auf das größere Bild – den Menschen in seiner Organisation, seiner Rolle und seinen Beziehungen. Die Themen ihrer Coachees sind vielfältig: berufliche Richtung, Konflikte am Arbeitsplatz, Perfektionismus, Grübeln oder einfach das Gefühl, festzustecken.

Für Anne ist Coaching „Hilfe zur Selbsthilfe". Es geht nicht darum, Ratschläge zu geben, sondern darum, neue Perspektiven zu öffnen. Was einen guten Coach ausmacht? Zuhören. Ein geschützter Raum, in dem sich jemand wirklich gehört fühlt, kann schon echte Veränderung auslösen.

Ihr einfacher, aber wirkungsvoller Tipp für den Alltag: Achte auf deine Energie. Wann bist du im Flow? Und was passiert, wenn du aufhörst zu bewerten und einfach nur beobachtest?

Anne: Wie bin ich zum Coaching gekommen?

Auf Papier bin ich eine klassische BWL-Marie: BWL studiert, die typischen Stationen in Praktika bei Banken, in der Beratung und in Startups. Irgendwie mochte ich dann Finance und Startups – und bin so zum Venture Capital gekommen. Mein erster Job war bei Project A, dem Venture-Capital-Fonds aus Berlin; dort haben Till und ich uns auch kennengelernt. Da war ich fünf Jahre. Danach bin ich noch mal in eine Agentur gegangen, weil ich auch eine kreative Seite habe, und seit etwa einem Jahr bin ich bei uns im Familienunternehmen. Fürs Coaching ist das ehrlicherweise nur semi-relevant.

Ich würde sagen, ich bin eine Person, die schon immer nach Rat gefragt wurde – schon in der Schule, später im Job und unter Freundinnen und Freunden. Das schmeichelt mir, ich fühle mich dadurch geehrt, und ich helfe auch super gerne. Jahrelang habe ich das aber vor allem aus meinen eigenen Erfahrungen abgeleitet. Irgendwann habe ich mich damit nicht mehr ganz so wohl gefühlt – weil mich zum Beispiel Teammitglieder gefragt haben, die einen ganz anderen Werdegang haben als ich. Da kam der Gedanke: Eigentlich würde ich gerne objektivere Tools beherrschen, die anderen helfen, selbst auf Ideen zu kommen, anstatt dass sie sich anhören „Anne hat ABC gemacht, dann probiere ich ABC auch mal aus" – und dann merken, nee, in meinem Kontext funktioniert das nicht.

Dazu kam, dass ich selbst gecoacht wurde und Coaching als unfassbar wirksam empfunden habe. Da dachte ich mir: Was die auf der anderen Seite machen, könnte mir vielleicht auch Spaß machen. 2018/2019 habe ich dann ein erstes Grundlagenseminar gemacht, über drei Tage. Das war die große Bestätigung: Ja, das ist es, da möchte ich tiefer rein, ich würde gerne eine komplette Ausbildung absolvieren. Die habe ich vor einem Jahr abgeschlossen – seitdem bin ich offiziell Coach. Auslernen kann man aber nie.

Gemacht habe ich die Ausbildung am Artop-Institut an der Humboldt-Universität. Das hat mich überzeugt, weil dort in der Regel Psychologie-Professorinnen und -Professoren unterrichten. Es ist ein systemisches Business Coaching. Was heißt das? Dass man immer versucht, das System zu berücksichtigen. Angenommen, du wärst mein Coachee, dann würde ich verstehen wollen: In welcher Organisation arbeitest du? Was ist deine Rolle darin? Wer sind die Menschen, die dort mit dir zu tun haben, und was ist dein Verhältnis zu ihnen?

Typischerweise arbeite ich remote – einfach weil ich nebenbei coache. Hauptberuflich mache ich etwas anderes, aber Coaching ist für mich ein Herzensthema. Das heißt allerdings auch, dass ich keine eigene Praxis habe. Eine Session dauert ein bis anderthalb Stunden. Als Startpunkt empfehle ich immer drei Sessions – die Erkenntnisse kommen mit der Zeit, und schon in der ersten Session die eine große Kernerkenntnis zu erwarten, wäre etwas zu ambitioniert. Zehnerpakete von Anfang an finde ich dagegen schwierig: Ich habe mich selbst schon mal in Session sieben oder acht ausgecoacht gefühlt. Wie regelmäßig wir uns sehen, hängt davon ab, wie sehr der Schuh drückt – eher wöchentlich oder alle zwei Wochen als einmal im Monat, damit das Momentum hoch bleibt.

Zu mir kommen kann jede Person mit einem beruflichen Anliegen: ob jung oder alt, aus dem Startup- oder VC-Umfeld, aus dem Corporate oder ganz ohne Business-Background.

Wann sollte jemand nicht zu mir kommen?

Wenn jemand eher eine Mentorin oder einen Mentor sucht und inhaltlichen Input zu einem spezifischen Thema möchte – „Anne, kannst du mir erklären, wie man ein effektives Pitch Deck baut?" –, dann ist das kein Coaching. Und auf der anderen Seite: psychologische oder psychiatrische Beratung. Dafür habe ich die Ausbildung nicht, und es ist einfach ein ganz anderes Feld.

Typische Themen, an denen ich mit Coachees arbeite:

„Ich bin stuck. Ich weiß gar nicht, in welche Richtung ich mich entwickeln möchte." Unterthemen sind dann: Soll ich kündigen? Was könnte ein passender nächster Job für mich sein? Soll ich mich als Spezialistin weiterentwickeln oder als Generalistin im Team bleiben – vielleicht sogar die Teamleitung übernehmen? Soll ich mir eine Auszeit nehmen?

Andere typische Themen sind Konflikte mit Vorgesetzten oder mit Kolleginnen und Kollegen. Oder dass jemand bei sich selbst im Job bestimmte Muster bemerkt – Unsicherheit, Perfektionismus und so weiter. Das sind sehr typische Anliegen im Business-Kontext.

Was ist Coaching eigentlich?

Der Begriff Coaching ist nicht geschützt, es gibt also sehr viele Definitionen. So wie ich es gelernt habe und verstehe: Coaching ist Hilfe zur Selbsthilfe. Man begleitet eine Person dabei, selbst auf neue Perspektiven und auf Lösungen für ihre Themen zu kommen.

Ein guter Coach gibt also nicht konstant Input und Vorschläge rein. Es gibt aber Stilmittel, die genau das erlauben – zum Beispiel den „Realitäten-Kellner", finde ich auch einen ganz witzigen Begriff. Angenommen, ich coache dich, und mir brennt etwas auf der Zunge, das ich dir unbedingt mitgeben möchte, weil ich merke: Du kommst selbst wirklich nicht drauf. Dann biete ich es dir an wie ein Kellner ein Tablett mit einer Cola oder einem Wasser: „Hey, wie wär's denn mal damit?" Und du kannst das annehmen – oder sagen: „Nee, danke, Kellner, hab ich nicht bestellt." Dann geht der Kellner mit der Cola weiter an einen anderen Tisch. Das kann man mal machen, aber nicht die ganze Zeit, sonst ist der Witz weg.

Warum geht es überhaupt darum, dass du selbst auf die Perspektiven kommst? Weil das Ganze dann nachhaltig ist. Die Lösungen, auf die du selbst kommst, sind authentischer – und die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass sie in deinem Kontext funktionieren.

Was macht einen guten Coach aus?

Drei Dinge:

  • Einen geschützten Raum geben. Das ist die Basis.

  • Zuhören. Wirklich die ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Denk mal drüber nach: Du hast bestimmt tolle Freundinnen und Freunde, die dir zuhören und dir gerne einen Rat geben. Aber sitzen die anderthalb Stunden mit dir da und hören wirklich nur dir zu, ohne „ah ja, bei mir war das so und so" zu sagen und in ihre eigene Anekdote abzudriften? Wahrscheinlich nicht.

  • Nicht zu viel reingeben. Es gibt sensationelle Coaches, die die ganze Zeit einfach nur zuhören.

Von deinem Coach solltest du eigentlich nie hören: „Ja, bei mir ist das so und so." Mein Coachee erfährt eigentlich nichts über Anne.

Dann gibt es das Paraphrasieren, oder einfacher gesagt: Spiegeln. Das heißt, dein Coach gibt in eigenen Worten wieder, was du gesagt hast – und wiederholt dabei nicht den identischen Satz. Wenn jemand erst mal zehn Minuten durchredet, kombiniert der Coach vielleicht Satz drei mit Satz 21, und vielleicht standen diese beiden Aussagen ein bisschen im Gegensatz zueinander. Das löst dann manchmal aus, dass jemand denkt: Wow, das merke ich gerade selbst, da habe ich mich widersprochen. Oder ich höre: „Wenn du das jetzt so formulierst, fällt mir auf …" Ganz witzig finde ich, wenn Coachees dann sagen: „Hast du ja auch gesagt." Ausgesprochen habe ich es – gesagt hast es eigentlich du.

Was kann man außerhalb des Coachings selbst üben?

Am liebsten würde ich gleich drei Methodiken mit an die Hand geben. Eine ganz tolle Übung, die ich im Coaching mache, ist zum Beispiel das „innere Team" – wer gerade gecoacht wird, kann da ruhig mal aktiv nachfragen. Ich finde, diese Übung trifft eigentlich auf jede Person zu und kann etwas bewirken.

Unabhängig vom Coaching sind es dann ganz einfache Dinge: Wo geht die Energie hoch, wo geht sie runter? Bei welchen Tätigkeiten bin ich im Flow – also genau richtig gefordert, weder unter- noch überfordert?

Und noch etwas, das ich immer sehr spannend finde: Wann beobachtest du nur, wann fängst du an zu erklären – und wann sogar zu bewerten?

Ein Beispiel: „Mein Chef kam rein und hat mich gefragt, woran ich gerade arbeite." Wenn ich das nur beobachte – was macht das mit mir?

Versus bewerten: „Mein Chef kam rein und hat mich gefragt, was ich gerade mache. Oh mein Gott, der denkt schon wieder, dass ich keinen guten Job mache, deshalb kontrolliert er meine Arbeit."

Merkst du den Unterschied? Allein dieses Bewusstsein kann schon viel verändern.

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